Claudia Klaft

BIO

Vom Trendsetter zum Urgestein

Bio ist Trend! Das Bewusstsein für gesunde Lebensmittel aus der Region ist auch in der Corona-Zeit gestiegen. „Aber neu ist dieser Trend nicht“, sagt Volker Schluseneck schmunzelnd. Schon seit 30 Jahren führt er den Gemüseladen – den man als eigentlichen Trendsetter zur damaligen Zeit in Göttingen bezeichnen kann. Damals taten sich vier Landwirte von regionalen Bioland-Betrieben in einer GbR zusammen, um mit dem so genannten Erzeugerladen ihre erntefrischen Produkte gemeinsam und, statt in Hofläden, stadtnah zu vermarkten.

Schluseneck erzählt: „Die Familien Müller-Oelbke und Wedemeyer, Backfisch/Ohmes und Krämer/Lechte haben die Anbauplanung untereinander abgestimmt und konnten damit ein viel größeres Sortiment bieten. Ja, es herrschte regelrecht Aufbruchstimmung in der Bioland-Szene – die übrigens auch von der Uni Göttingen kam.“ Und er, Studienkollege, Diplom-Agraringenieur und zeitweise Mitarbeiter in den Betrieben, wurde zum Geschäftsführer des Gemüseladens Geismar. Ein absoluter Experte, der den Kunden alles über die Lieferanten und die Biokost erzählen konnte. Der Laden war mit 50 qm bescheiden klein und das Sortiment anfangs noch sehr übersichtlich. „Was, von den Gurken haben Sie nur drei Stück?“, erinnert er sich an einen erstaunten Kunden und sagt lachend: „Als erster Erzeugerladen in Göttingen hatten wir sehr vorsichtig kalkuliert.“

Mit der Zeit passte er sein Angebot der Nachfrage an und die Saisonprodukte wurden um Molkerei-, Trockenprodukte, Backwaren, Säfte und Zitrusfrüchte – alle nach Bioland-Richtlinien – ergänzt. „Da kann das Bio-Bewusstsein noch so ausgeprägt sein, aber nach Bananen und Zitronen wird ganzjährig verlangt“, erzählt Schluseneck, der an einer gebastelten Bananenpalme seine exotischen Früchte präsentiert. Für diesen zusätzlichen Bedarf sorgt seit Beginn auch Naturkost Elkershausen mit der Lieferung so genannter „Verbandsware“, das kann Bioland, Demeter oder Naturland sein.

Der Bioland-Verband bürgt für Produkte ohne Gentechnik, ohne Massentierhaltung, ohne chemisch-synthetischen Stickstoff-Dünger und ohne Pflanzenschutzmittel. Obst und Gemüse werden zunehmend aus samenfesten Sorten gezogen. Die Richtlinien der Verbände gehen damit weit über die EU-Ökoverordnung hinaus, die das Bio-Siegel und Bio-Logo vergibt – die aber nur eine Einhaltung von 95 Prozent der weniger strengen Richtlinien fordert, Pestizide und künstliche Düngemittel in Maßen sowie eine gleichzeitig biologisch wie konventionelle Bewirtschaftung erlaubt.

Und genau das ist für die ursprünglichen Bio-Läden mittlerweile ein großes Problem: Der Begriff „Bio“ ist nicht geschützt, sondern vielfältig interpretierbar. Und so fluten immer mehr EU-Bio-zertifizierte Produkte, sogar aus China und Indien, die Supermärkte und Discounter. Es darf überlegt werden, wie streng wohl die Kontrollen der importierten Ware sind und ob in Drittländern faire Löhne gezahlt werden.
Laut Öko-Barometer des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft vom Februar 2022 hat sich der Bio-Anteil am Lebensmittelmarkt auf 6,8 Prozent erhöht – jedoch gekauft werden die Bio-Produkte zu 90 Prozent in Supermärkten, die Mengen und Preise diktieren. Und zwar zu Lasten der einzelnen Landwirte, die immer größer werden müssen, um ihren Lieferverpflichtungen nachkommen zu können. Denn was passiert, wenn Starkregen die Ernte verhagelt?

Um sich diesem Druck entgegenzustemmen, hat Naturkost Elkershausen 2021 die Fair-Bio-Genossenschaft gegründet. Sie bindet Ladner, Landwirte und Kunden ein mit den Zielen, die Höfe fair zu bezahlen, die Naturkostläden zu unterstützen und den Kunden „echte, regional-frische Bio-Ware“ zu bieten. „Mit dem Gemüseladen Geismar war ich einer der ersten Genossen“, betont Volker Schluseneck, „denn der Ansatz unterstreicht unsere Linie, ehrliche Produkte zu ehrlichen Preisen anzubieten.“

Sein Konzept „Frische, Regionalität und Nähe zum Kunden“ hat sich bis heute bewährt. Seit 2015 ist er Inhaber und beschäftigt vorzugsweise Menschen, die sich in der Landwirtschaft auskennen. „Die Kundschaft von heute ist gut informiert und fragt detaillierter nach. Da haben wir den Vorteil, dass wir dank der gewachsenen Beziehungen zu unseren Lieferanten sozusagen aus dem Nähkästchen über den Bauern, den Anbau und die Tierhaltung plaudern können.“

Auch das wechselnde Angebot sei manchmal erklärungsbedürftig, sagt Schluseneck und nennt ein Beispiel: „In der Saisonzeit mangelt es Montagmorgens natürlicherweise an frisch gepflückten Bio-Erdbeeren.“ Scherzhaft fügt er hinzu: „Selbst wenn ich nur drei Gurken hätte, gäbe es dafür plausible Gründe.“ Natürlich hat er mehr und sein Biokost-Sortiment ist für seinen kleinen Laden erstaunlich groß. Allein vier Bio-Bäckereien sorgen für täglich frische Backwaren, Bio-Winzer liefern vegane Weine, es gibt unverpackte Ware, eine gut bestückte Käsetheke und vieles mehr.

Dazu hat der Gemüseladner gerne einen verschmitzten Spruch auf Lager. Durch den oft persönlichen Draht zu seinen Kunden erntet er seinerseits einen großen Vertrauensvorschuss. Viele sind seinem Geschäft im Altdorf treu und schätzen den freundlichen, scherzhaften Plausch. Selbst in der Corona-Zeit, als er aufgrund der Ladengröße nur zwei Kunden einlassen durfte, warteten sie geduldig draußen in der Schlange. Und bei Regen spannte er ihnen einen Schirm über die Eingangstür. Zunächst fragten sie nach immunstärkenden Produkten wie Ingwer, Zitrusfrüchten und Paprika. Je länger die Restaurants geschlossen waren, fokussierten sich auch neue Kunden auf den originalen Geschmack von Bioland-Produkten. „Steckrübe und Meerrettich wurden wieder entdeckt, die Ringel-Bete machte Furore“, erzählt Schluseneck und betont die gute Seite: „Viele haben mit ihrer Familie zusammen gekocht, gute Qualität war ihnen dabei wichtig.“

Parallel ist die Nachfrage nach Bio-Lieferdiensten wie z. B. Lotta Karotta gestiegen, die auch immer Wissenswertes über ihre Produkte mitgeben. Doch schon seit vielen Jahren ist der lyrische Leitsatz von Volker Schluseneck: „Hast du Kohldampf oder Brande, suchst ‘nen Schwatz so ganz am Rande, kann ‘n kleiner Gang nicht schaden, nach Geismar in’ Gemüseladen …“

Das vollständige Gedicht findet sich auf seiner Webseite wieder. Es ist eben die Nähe, die besonders ist.

Im September wird der ehemalige Trendsetter als mittlerweile ein Urgestein in der enormen Bioladen-Dichte Göttingens sein 30-jähriges Jubiläum feiern. In der Hoffnung, dass trotz der Preiserhöhungswelle den Kunden das gute und bewusste Essen, die Unterstützung der regionalen Landwirtschaft und Bioläden sowie die Wertschätzung durch faire Preise bedeutsam bleibe.

 

Fotos: © Michael Seiler

Erschienen in: FÜNFZIG+ life – Ausgabe 01/2022