Claudia Klaft

Was noch zu tun wäre

Dagmar Pairan von der Freiwilligenagentur Göttingen über das Ehrenamt

Ein letztes Mal früh aufstehen, ins Büro fahren, Unterlagen ablegen, sortieren, weitergeben, sich im Büro nett unterhalten, Tschüss sagen, heimfahren. Das, was jetzt kommt, ist nicht Feierabend, sondern: Rente.

Endlich täglich ausschlafen! Doch was so verheißungsvoll klingt, wirkt nach einigen Tagen oder Wochen schal. Irgendwann hat man sich selbst mit Freunden aus alten Zeiten auf den aktuellen Stand gebracht, Besuche von Enkelkindern sind nicht mehr aufregend, Ausflüge sind gemacht, der Trott tritt ein. Der Sinn des Lebens. Wo war der nochmal?

Eine gute Frage, die zu Dagmar Pairan führen kann. „Zu mir kommen u. a. Menschen, die es satt haben, sich nicht mehr gebraucht zu fühlen, die Gemeinschaft suchen und solche, die neugierig auf etwas Neues in ihrem Leben sind. Manchmal haben sie auch nur das diffuse Gefühl, dass etwas in ihrem Leben fehlt“, erläutert die Projektleiterin der Freiwilligenagentur Göttingen (FWA). Der tiefe Fall ins Nichts-tun oder das Gefühl, nicht mehr nützlich zu sein, weckt bei vielen SeniorInnen die Lust, mal etwas anderes auszuprobieren und dabei Positives zu bewirken.

Die FWA vermittelt seit 2018 Engagements nicht nur in sportlichen, sondern auch in sozialen, kulturellen und kirchlichen Projekten. „Die Interessierten wollen Wissen vermitteln, handwerklich, technisch oder organisatorisch tätig sein, Gruppen betreuen, individuelle Unterstützung bieten, fachlich beraten, oder andere Dinge tun.“ Und das sei nicht nur, wie viele denken, vereinsbezogen. Auch für einzelne Events sei gelegentlich Hilfe gefragt. „Mit uns findet eigentlich jeder eine Aufgabe, die den persönlichen Interessen und Talenten entspricht“, sagt sie.

Aber wo liegen die? Die meisten Menschen über 50 Jahre wüssten ganz genau, was sie machen möchten, manche aber wollen einfach nur „was Sinnvolles tun“, ohne genaue Vorstellungen zu haben, berichtet Dagmar Pairan aus ihren bisherigen Erfahrungen. Im Beratungsgespräch fängt sie dann die Motivationen auf und berät: Wo kann die Reise hingehen, passt der Wunsch? Und manchmal stellt sich dabei heraus, dass jemand ein ganz anderes Engagement übernimmt als gedacht. Denn, so erzählt sie, es gibt Aufgaben, die sich manche nicht zutrauen, aber für die sie sehr gut geeignet sind. Als Beispiel nennt Pairan die Sorgentelefone: „Erst wenn ich erkläre, dass es dafür eine monatelange Vorbereitungszeit gibt, in der jemand an die Aufgabe herangeführt wird, fällt die Hemmschwelle davor, sich darauf einzulassen.“

Interesse und Zeit haben, nachfragen, sich informieren und offen sein für Neues – warum nicht? Es wäre doch schade, wenn die gesammelten Lebenserfahrungen, beruflichen Kenntnisse und wertvollen Soft-Skills verloren gingen. Sich aktiv einzubringen, hält jung, belebt den Alltag und hilft gleichzeitig anderen Menschen, die dankbar dafür sind. Diese positive Resonanz ist es auch, die den Ehrenamtlichen „das Leuchten in die Augen zaubert. Und wenn die Aufgabe Spaß macht und Freude schenkt, bleibt man dabei“, betont Pairan.

Denn das ist der Clou: Wer etwas Gutes tut, tut sich auch selbst etwas Gutes. Warum nicht neue Freundschaften knüpfen, sich lebendig austauschen, überraschende Denkanstöße bekommen, sportlich aktiv bleiben oder andere am eigenen Wissen teilhaben lassen, sie unterstützen, sie motivieren und ihnen weiterhelfen? Ist doch allemal besser, als Fernsehen und Internet zum Mittelpunkt des Lebens werden zu lassen. Für die erste vage Orientierung lädt z. B. auch die Webseite der Aktion Mensch zu einem Schnupper-Test ein: „Welcher Engagement-Typ bist du?“ https://www.aktion-mensch.de/was-du-tun-kannst.
Die Freiwilligenagentur bietet ihrerseits auf ihrer Webseite eine Engagementbörse www.fwa-goettingen.de/engagieren-in-goettingen/engagementboerse und persönlich freut sich Dagmar Pairan auf eine Anfrage.

Eigentlich schade, findet sie es, wenn RentnerInnen erst nach der anfänglichen Ausruh-Phase merken, dass ihnen etwas fehlt. Dann den Anlauf zu finden, sich neu zu orientieren, sei nicht ganz so einfach. Deshalb wünscht sich die Projektleiterin die Chance, mehr Menschen „bei der Entberuflichung zu begleiten.“ Und meint damit, dass ein Unternehmen schon vor Renteneintritt eines Mitarbeiters/einer Mitarbeiterin das Ehrenamt zum Thema machen sollte. Entweder indem es generell sogenannte „Ehrenamtstage“ für alle Beschäftigten anbietet, an denen diese sich in unterschiedlichen Projekten ausprobieren können, oder indem sie ihre älteren Beschäftigten speziell informieren und erste Wege ebnen.

Dabei könnte sich das Engagement durchaus auf unternehmensinterne Bereiche richten, zum Beispiel durch Bildung von „Tandems“, bei denen jüngere MitarbeiterInnen von der Expertise der Älteren profitieren. Vielleicht engagiert sich das Unternehmen selbst schon in einem Bereich, in dem Ehrenamtliche willkommen sind. „Die so genannte Corporate Social Response wird für Unternehmen immer wichtiger. Gerade die jüngere Generation achtet bei der Auswahl eines Arbeitgebers verstärkt darauf, ob und wie sich dieser sozial, kulturell oder sportlich engagiert“, weiß Pairan. Ein Trend, der auch den Älteren zugutekommt. Schon jetzt bezieht sich der gute Ruf eines Unternehmens nicht mehr nur alleine auf ein erfolgreiches Produkt. Einige große Firmen punkten bereits erfolgreich mit Corporate- Volunteering-Programmen, bei kleinen und mittelständischen sieht Dagmar Pairan noch viel Potenzial, für das sie gerne sensibilisieren möchte. Deshalb hat die Freiwilligenagentur Göttingen auch für Firmen ein offenes Ohr.

Das Leben geht weiter, auch nach dem Beruf. Doch die Aktivität muss nicht ruhen, denn Sie können sich jederzeit entscheiden, Freude zu schenken und ihre Zeit wertvoll zu nutzen. Sie haben die Wahl, machen Sie doch was draus. Denn: Da wäre noch was zu tun.

 

Fotos: © Adobe Stock, Miriam Merkel

Erschienen in: FÜNFZIG+ life – Ausgabe 02/2021