Michael Seiler

Wenn aus kreativ originell wird

Ein kreatives Hobby zu haben, kann neben der stressigen Arbeit oder nach dem Ende des Berufslebens ein erfüllendes Erlebnis und ein Quell neuer Energie sein. Doch was tun, wenn es nicht so recht vorangehen will mit der eigenen Kreativität? Und was ist das eigentlich genau?

Wir machen die Tür zur Kreativitätsforschung einen Spalt breit auf und linsen hinein.

KREATIVITÄT kann Speisen verfeinern und dekorieren, Bilder malen oder Dinge aus Papier falten, und vieles, vieles mehr. Alles ist auf seine Weise ein Ausdruck von dem, was wir im allgemeinen Sprachgebrauch Kreativität nennen. Das führt allerdings dazu, dass wir das Wort heutzutage geradezu inflatorisch mit diffuser Bedeutung verwenden. Kreativ – was früher beinahe wie ein Gütesiegel wirkte und nur bahnbrechenden Errungenschaften zugesprochen wurde, ist mittlerweile zu einem Modewort geworden.

Die Kreativitätsforschung als junge Teildisziplin der Psychologie bemüht sich genau aus diesem Grund seit geraumer Zeit, über klar formulierte Kriterien dem Kreativitätsbegriff Struktur zu geben und ihn besser greifbar zu machen.

Das im hogrefe Verlag erschienene Buch „Originell und kreativ“ von Herausgeber Prof. Dr. Lothar Laux versammelt die wesentlichsten Entwicklungen auf dem Forschungsgebiet der letzten Jahrzehnte und reichert diese mit Erkenntnissen aus eigenen Studien an. Auch wenn mit dem Werk vorzugsweise Psychologinnen und Psychologen aus Lehre, Forschung und Praxis angesprochen werden sollen, so gelingt es doch, über die vielen lebendigen Beispiele eine Brücke in den Alltag zu schlagen. Vor allem, wenn es z. B. darum geht, einen handelsüblichen Gegenstand wie den Fernseher neu zu denken oder sich Hüte aufzusetzen. Doch dazu weiter unten mehr.

Die alten Griechen

Kulturgeschichtlich ist Kreativität ein göttliches Geschenk. Sinnbild dafür sind vor allem die Musen aus der griechischen Mythologie, die im Rufe standen, Menschen in der Antike göttliche Eingebungen zu verschaffen. Auch wenn diese Vorstellung längst überholt ist, so ist doch dieser Reiz von außen auch heute noch ein probates Mittel, um Neues zu erschaffen. Musen in menschlicher Gestalt, die einen mit Worten, Taten oder einfach ihrem Dasein zu neuen Ideen inspirieren, gibt es also weiterhin.

Warum kreativ nicht immer originell ist

Experten auf dem Gebiet der Kreativitätsforschung bieten für die breite Öffentlichkeit eine gute, alltagstaugliche Erklärung der Kreativität an: Sie haben die Aspekte „Neuheit“ und „Angemessenheit“ als Kernmerkmale des Begriffs etabliert. Etwas Neues oder Seltenes, das zugleich nützlich, sinnvoll und befriedigend im Sinne der Aufgabenstellung ist, wird also gemeinhin als kreativ betrachtet. Einigen Wissenschaftlern war und ist das aber nicht differenziert genug. Der Aspekt der „Überraschung“ darf ihrer Ansicht nach als Kriterium zur Bewertung von Kreativität nicht vernachlässigt werden. Damit ist das allseits bekannte „Aha-Erlebnis“ gemeint. Etwas wahrhaft Kreatives muss uns also ihrer Meinung nach sprichwörtlich von den Socken hauen.

Der Forschungsgruppe um Lothar Laux bringt dagegen die Originalität als Kernkonzept für Kreativität ins Spiel. Aus Studien werden Beispiele herangezogen, an denen erklärt wird, warum eine seltene oder einmalige Antwort in einer Stichprobe, obwohl als solches betitelt, nicht unbedingt originell sein muss.

Für den Persönlichkeitspsychologen Laux und seine Co-Autorinnen und -Autoren ist der Begriff der „Transformation“ von entscheidender Bedeutung. Je mehr wir eine Aufgabenstellung – sei es die Interpretation eines Bildes, eine Problemlösung oder etwa die Inszenierung eines Theaterstücks – transformativen Prozessen unterziehen, desto origineller können die Ergebnisse ausfallen. Und gerade jene Resultate, die sich von logischen, herkömmlichen und zu erwartenden Formen wegbewegen, regen zum Staunen und Reflektieren an. Verdrehungen, Übertreibungen und Umkehrungen sind es, die uns direkt auffallen. Die Ritter der Kokosnuss von Monty Python beispielsweise, die Kokosnuss-klopfend Reiter und Reittier in einem sind oder der Orana Wildlife Park in Neuseeland, in dem an manchen Stellen die Menschen in Käfigen stecken und die Tiere frei herumlaufen. Unerwartete Ideen bleiben bei uns eher und länger haften, als jene, die man schon in ähnlicher Weise kennt, und sind daher nicht nur kreativ, sondern auch originell.

Kann man Kreativität trainieren?

Manche Leute sind von Natur aus kreativer als andere. Das zeigen nicht zuletzt die zusammengetragenen Studien bei Laux. Es gibt jedoch zahlreiche Techniken, um Kreativität zu fördern und originellere Idee und Lösungen zu Problemstellungen zu erhalten. Eine davon ist die Zufallswortmethode. Einer bestehenden Aufgabe – z. B. einer Produktmodifikation oder einer möglichst originellen Bildbeschreibung – werden mehrere zufällige Schlagwörter, auch Reizwörter genannt, hinzugefügt. Laux stellt das anhand einer Fallstudie über die Berliner Verkehrsbetriebe dar, die nach der Arbeit mit dem Reizwort „Schuh“ letztlich zum 90. Geburtstag Schuhe mit integrierter Fahrkarte als Limited Edition herausbrachten.
Schuhe und Bahntickets zu kombinieren, um Marketing zu betreiben, darauf wäre man ohne Reizwort wahrscheinlich nicht gekommen. Bei vielen Kreativitätstechniken geht es genau darum: Es soll – wie Laux es betitelt – die „geistige Eingleisigkeit“ verlassen werden. Es soll über logische und banale Assoziationen hinweggedacht werden. Das geschieht über das Hinzufügen eines neuen Bezugssystems, was die Forschung „Bisoziation“ nennt.
Bei Laux wird das anschaulich anhand einer Probandin demonstriert, die wie andere Testpersonen zu einer Strichzeichnung möglichst kreative Interpretationen liefern sollte. In einer Testphase sollte sie die Abbildung mit Hilfe des zufälligen Reizwortes „brennen“ neuinterpretieren und kam auf sehr erstaunliche und originelle Lösungen – ja sogar Geschichten – die vorher in der Form undenkbar gewesen wären.

Eine weitere Möglichkeit, kreativ über Produkte, Prozesse und Probleme nachzudenken, ist die Analogiemethode. Die essenzielle Frage dabei ist: Was ist vergleichbar mit der eigenen Ausgangssituation?
Das fragte sich auch, wie Laux berichtet, die Notaufnahme einer Kinderklinik in London, die durch die Hilfe der Boxen-Crew des Formel-1-Rennstalls Ferrari ihre Effizienz in der Aufnahme und Behandlung von jungen Patientinnen und Patienten deutlich steigern konnte, weil sich beide Arbeitsbereiche in ihren Anforderungen, vor allem Zeitdruck und Präzision, doch sehr stark ähnelten.
Das einzige Manko, dass die Kreativitätsforschung in dieser Methode sieht, ist, dass im Grunde nichts gänzlich Neues entsteht, sondern lediglich bestehende Muster adaptiert werden. Der Kinderklinik hat dieser Ansatz jedoch sehr geholfen.

Eine ganz besondere, stimulierende Technik setzt der Kreativität sprichwörtlich den Hut auf. Die Sechs-Hüte-Methode nach Edward de Bono lässt aus der Suche nach Originalität ein Rollenspiel werden. Jeder Hut hat eine andere Farbe und steht somit für eine jeweils ganz spezielle Rolle und Sicht auf die Ausgangslage. Weiß steht für analytisches Denken, wohingegen der rote Hut das emotionale Denken repräsentiert. Schwarz ist der Pessimist und Kritiker, Gelb der Optimist unter den sechs Hüten. Und während der blaue Hut strukturiert arbeiten will, lässt der grüne seiner Kreativität freien Lauf. Jeder Hut hat zum Thema etwas aus seiner Sicht zu sagen und trägt so zu einer Vergrößerung der Bandbreite an Ideen bei. In einem Team kann unter jedem Hut ein anderes Teammitglied stecken. Man selbst kann aber auch jeden Hut nacheinander (imaginär) aufsetzen und die Rollen einnehmen, um eine Aufgabe zu bearbeiten.

Warum und wann braucht man Kreativitätstechniken?

In vielen Unternehmen, nicht nur in der Werbebranche, muss man ab und an Dinge neu denken. Egal ob Produkte, Prozesse oder Strukturen. Um Vorgänge zu beschleunigen oder auch neue Perspektiven zu generieren, sind solche Techniken sehr wertvoll. Vor allem, wenn man bei der Lösung eines Problems partout nicht weiterkommen will. Ob Schreibblockade oder Zweifel vor dem ersten Pinselstrich – ein frischer Impuls und ein anderer Blick auf die Dinge können durchaus helfen.

Fazit: Perspektivwechsel hilft

Mit der richtigen Strategie kann man womöglich auch selbsternannten Kreativmuffeln ein Stück Originalität entlocken. Und man kann Blockaden innerhalb des kreativen Schaffensprozesses viel leichter auflösen, wenn man sich der vielen Möglichkeiten aus der Kreativitätsforschung bewusst ist. Reize von außen, neue Perspektiven und das Zulassen subjektiv völlig abstruser Gedanken können spannende Prozesse im Menschen ankurbeln. Es muss ja nicht gleich die Erfindung der eierlegenden Wollmilchsau sein.

 

Fotos: © Adobe Stock

Erschienen in: FÜNFZIG+ life – Ausgabe 02/2022